Drei Millionen Augenblicke

Presse Club Hannover in der GAF | Foto: Torsten Hamacher

Exklusive Preview für den Presse Club Hannover am 12. Mai 2026: Am Tag vor der offiziellen Eröffnung besuchten rund dreißig Mitglieder und Gäste die Ausstellung „Menschenbilder | Zeitgeschichte. Der Fotograf Joachim Giesel“ in der Galerie für Fotografie (GAF) – und erhielten tiefe Einblicke in die Bilder hinter den Bildern.  

„Mit Opas Fotografien hier nach Hannover zu kommen, das ist schon etwas ganz Besonderes.“ Die, die das sagt, muss es wissen. Denn Rickie Lynne Giesel, Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin der Fotografischen Sammlung des Jüdischen Museums in Berlin, hat für die Ausstellung in Hannovers Südstadt einen Fundus von schier unfassbaren drei Millionen Bildern ihres Großvaters kuratiert. Das Ergebnis? Ein eindrucksvoller Querschnitt der Arbeit von Joachim Giesel von den Anfängen in den 50er und 60er Jahren bis in die Gegenwart. 

Begonnen hat Joachim Giesels „professionelle“ Arbeit am 15. September 1956. Damals gerade mal 16 Jahre alt, stand er zunächst selbst als Jugend-Fußballer im Niedersachsenstadion auf dem Platz. Später am gleichen Tag fotografierte Giesel mit der frisch zur Konfirmation geschenkt bekommenen Voigtländer das Länderspiel Deutschland – UdSSR (eine Premiere auf deutschem Boden nach dem Sieg Deutschlands bei der Fußball-WM 1954). Sechs Aufnahmen davon wählte Joachim Giesel gemeinsam mit seinem Vater aus und schickte sie an die Redaktion der „Rasselbande“, einer damals bekannten und beliebten Jugendzeitschrift aus dem Bauer-Verlag. Die Redaktion war begeistert und druckte die Bilder als Reportage auf einer Doppelseite ab. 

Das war der Startschuss für Giesels Weg in die Fotografie. Er entschied sich für eine handwerkliche Ausbildung zum Fotografen. 1961 legte er die Gesellen- und 1966 die Meisterprüfung ab – als bester Nachwuchsfotograf auf Landes- und auch auf Bundesebene. Neben der praktischen Arbeit studierte er und schloss 1980 als Diplom-Designer für Fotografie an der Fachhochschule Dortmund ab. Es folgte eine Anstellung bei der Hannoverschen Presse, ehe Joachim Giesel sich 1966 selbstständig machte.

Bis zu diesem Abend in der GAF sind seit dem Fußballspiel nicht weniger als 25.430 Tage vergangen. Alle 24 Stunden, also jeden Tag – egal ob Wochenende, Feiertag oder Geburtstag – hat Giesel durchschnittlich 117,97 Bilder aufnehmen müssen, um die immense Menge an Fotografien anzusammeln. Neben Können – manifestiert in zahlreichen Preisen – zeichnet Giesel also auch Fleiß aus, sehr viel Fleiß. 

Frage an die Kuratorin: Wie wählt man aus dieser schier unüberschaubaren Menge an Fotografien – zumeist noch in Form von Kleinbild-Negativen – 80 Bilder aus, die die Arbeit von Joachim Giesel widerspiegeln? „Zunächst haben mein Opa und ich uns auf Themenfelder geeinigt“, sagt Rickie Lynne Giesel. Dann wurde gesichtet, kuratiert, aussortiert, diskutiert, verworfen, wieder aufgenommen und schließlich wurden 80 Fotografien abgezogen und an die Wände gehängt. 

Entstanden ist so eine Ausstellung, die das Werk von Joachim Giesel nicht nur dokumentiert, sondern schlicht zum Leben erweckt. Ob es der legendäre Louis Armstrong war, den Giesel schon im ersten Ausbildungsjahr porträtierte, die Queen auf Hannover-Besuch, die Kanzler von Adenauer bis Schröder, Werbefotografien, Bilder aus den eindrucksvollen Reihen „Grenzland - Niemandsland“, „Tanz“, „Verrückt nach Ilten“, oder – eine Spezialität Giesels – Menschenbilder sprich Porträts von Menschen wie Du und ich oder Promis der allerersten Liga: Das Spektrum ist fast unendlich. 

Gibt es unter den Bildern „das“ eine Bild, dass für ihn selbst alle anderen überstrahlt? „Nein“, sagt Joachim Giesel. „Ich bin an jedes Bild mit dem gleichen Anspruch herangegangen. Wichtig war und ist mir dabei der – im Wortsinn – Augenblick“, schildert der 85-Jährige. Gemeint ist der Blickkontakt zum Porträtierten. Denn anders als bei vielen anderen, zeichnen Giesels Bilder der Blickkontakt zwischen Fotograf und Fotografiertem aus. „Ich will mit meinen Bildern zeigen, was ich sehe. Und seit jeher halte ich mich dabei an den Lehrspruch meines Ausbilders: Nämlich die fünf ,A‘ – alles anders als alle andere.“ Vielleicht ist es genau das, was Joachim Giesels Bildern diesen ganz eigenen Look gibt? Vielleicht ist es aber auch die handwerkliche Perfektion? Oder die Unaufgeregtheit mit denen Giesel seinem Gegenüber begegnet? Was es auch ist, es sind einzigartige Bilder, die die Besucher beim gemeinsamen Rundgang mit dem Fotografen und seiner Enkelin entdecken. 

 Wirklich besonders wird die Ausstellung aber keineswegs „nur“ durch die Bilder selbst. Außergewöhnlich ist auch die kunsthistorische Einordnung, die Rickie Lynne Giesel zusammen mit Professor Martin Schieder und mit Studentinnen und Studenten des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Leipzig erarbeitet hat. Fast schon nebenbei ist ein Bildverzeichnis entstanden, in dem alle Beschriftungen der Negativ-Bögen erfasst wurden. So ist das Werk von Joachim Giesel durchsuchbar und damit auch für Recherchen eine interessante Quelle. Ebenfalls ein Leckerbissen für Fotofans und Hannover-Interessierte, ist der Katalog, den das Team um die Kunsthistorikerin parallel zur Ausstellung erstellt und beim Hirmer Verlag herausgebracht hat. Zu haben ist der sowohl in der Galerie für Fotografie, als auch direkt über das Joachim Giesel Archiv

Offiziell eröffnet wurde die Ausstellung „Menschenbilder | Zeitgeschichte. Der Fotograf Joachim Giesel” in der GAF einen Tag nach dem Besuch des Presse Clubs. Zu sehen ist sie noch bis zum 14. Juni 2026. Geöffnet ist die Galerie für Fotografie donnerstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Ebenfalls geöffnet ist die GAF am Pfingstmontag und am Sonnabend, 6. Juni von 18 bis 23 Uhr anlässlich der Nacht der Museen.


Text: Torsten Hamacher
Fotos: Torsten Hamacher, Dr. Sabine Wilp